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Das Glück hängt am Geldbeutel des Schwagers

Prof. Dr. Ronnie Schöb von der FU Berlin bei seinem
Vortrag am MPI für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen

Geld macht nur glücklich, wenn man mehr hat als der Schwager. In seinem Vortrag am MPI für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen erklärte der Berliner Ökonom Ronnie Schöb, warum es dennoch Sinn macht, nach mehr Geld zu streben und die ökonomische Glücksforschung auf dem Prüfstand steht.

Reiche Menschen sind zufriedener als arme. Aber obwohl wir als Gesellschaft immer wohlhabender werden, ist die Lebenszufriedenheit insgesamt nicht angestiegen. Der amerikanische Ökonom Richard Easterlin, einer der Pioniere der Glücksforschung, hat dieses Phänomen bereits in den 70er Jahren untersucht. Was heute Easterlin-Paradox genannt wird, bestätigen auf den ersten Blick auch aktuelle Daten. Das deutsche „Sozioökonomische Panel“ zeigt, dass wir im Zeitverlauf zwar immer reicher aber nicht zufriedener geworden sind. Obwohl das Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland seit den 80er Jahren stetig angestiegen ist, hat sich die durchschnittliche Lebenszufriedenheit der Deutschen - subjektiv auf einer Skala von 1 bis 10 bewertet - bei einem Wert von 7 eingependelt. 

Werden alle Menschen reicher, wird der Einzelne nicht froher

Das liegt zum einen daran, dass wir uns ständig vergleichen; mit dem Nachbarn, mit dem Kollegen und, laut Prof. Dr. Ronnie Schöb von der Freien Universität Berlin ganz wichtig: mit dem Schwager. Wer im Statuswettbewerb die Nase vorn hat, ist zufriedener. Wenn ich aber mit meinem Schwager im gleichen Wohlstandsfahrstuhl eine Etage höher fahre, bleiben relatives Einkommen und damit auch subjektives Glücksempfinden gleich. Zum anderen gewöhnen sich die Menschen an den erreichten Standard und ihre Lebenszufriedenheit stagniert, auch wenn die Gesellschaft insgesamt wohlhabender wird.

Müssen die Ökonomen umdenken?

Wenn aber das Streben nach materiellem Wohlstand nicht zu mehr Zufriedenheit innerhalb einer Gesellschaft führt, müsste dann die Ökonomie nicht umdenken? Müsste die Wirtschaftspolitik andere Ziele verfolgen, als den Wettbewerb und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln? Warum sollten wir uns abstrampeln, wenn uns das nicht glücklicher macht?, fragt die Glücksforschung. Sollte der Staat daher korrigierend eingreifen und den Menschen davon abhalten, nach mehr zu streben? Fast alle Menschen streben nach mehr Geld und die klassische Ökonomie geht davon aus, dass die Menschen durch ihr Handeln offenbaren, was sie wollen und was ihnen nützlich ist. Steht den Wirtschaftswissenschaften demnach ein Paradigmenwechsel bevor?

Ältere Datensätze der Glücksforscher unzuverlässig

Ronnie Schöb hält dagegen. Er glaubt nicht, dass sich das Easterlin-Paradox für Politikempfehlungen eignet. Zum einen stellt er in seinem Vortrag in Frage, wie verlässlich individuelle Angaben zur Lebenszufriedenheit sind. Er zeigt, dass diese stark von der aktuellen Stimmung und vom Kontext der Befragung abhängen. Weiterhin argumentiert Schöb, dass die älteren Datensätze, die Easterlin für seine Untersuchungen herangezogen hat, sehr unzuverlässig seien. Neuere Datenerhebungen, zum Beispiel das Gallup World Poll (2011) könnten das Easterlin-Palradox nicht bestätigen. Vielmehr würden diese zeigen, dass reiche Gesellschaften durchschnittlich zufriedener sind, auch wenn der Zuwachs ab einer bestimmten Einkommensgrenze abflacht.

Zufrieden ist nicht gleich zufrieden

Auch in einem weiteren Punkt zweifelt Schöb an der Validität der Glücksdaten. Werden wir heute nach unserer Zufriedenheit befragt und vergeben eine 7, heißt das nicht, dass es die gleiche 7 ist, die wir zehn Jahre später ankreuzen würden. Erfahrungen haben unsere Ansprüche möglicherweise hoch- oder heruntergeschraubt; der Referenzrahmen hat sich geändert. Schließlich, kritisiert Schöb, würden die meisten Studien nur erheben, wie zufrieden man zum Zeitpunkt der Befragung ist. Wer aber länger glücklich sein kann, etwa weil sich mit wachsendem Wohlstand auch die Lebenserwartung erhöht hat, verdiene einen höheren Glückswert. Laut dem so genannten „Happy Life Index“, der die Zahl der glücklich oder unglücklich verbrachten Jahre bei der Zufriedenheitsmessung mit berücksichtigt, genießt heute lebende Europäer im Schnitt sechs Glücksjahre mehr als gleichaltrige Europäer, die in den 70er Jahren gelebt haben.

Neben den Zweifeln an der Validität des Glückskonzepts und dessen Operationalisierung spricht laut Schöb ein weiteres Argument dagegen, aus dem Easterlin-Paradox Politikempfehlungen abzuleiten, etwa wie der britische Glücksforscher Richard Layard. Dieser hatte eine stark progressive Besteuerung empfohlen, um dem seit Easterlin sinnlosen Streben nach mehr Geld Einhalt zu gebieten.

Statt um Geld um Facebook-Freunde konkurrieren

Ronnie Schöb argumentiert, politische Maßnahmen würden den Statuswettbewerb nicht verhindern sondern nur verlagern. Konkurriere ich mit meinem Schwager nicht mehr nur um den dicksten Geldbeutel, möchte ich ihn vielleicht beim Marathon besiegen oder bei der Anzahl der Facebook-Freunde übertrumpfen. Warum also den Statuswettbewerb nicht da fördern, wo er positive Nebeneffekte hat? Die Dynamik der Marktwirtschaft, die sich aus dem Streben nach Reichtum ergibt, würde schließlich auch wachsenden Wohlstand, mehr private und soziale Sicherheit, einer bessere Gesundheitsversorgung, eine höhere Lebenswartung und vielerlei gute Dinge mehr nach sich ziehen.

Die Glücksforschung könne jedoch auch einen wichtigen  Beitrag für eine fundierte ökonomische Politikberatung leisten. Laut Schöb kann sie dort Informationen liefern wo man keine Entscheidungen beobachten kann und daher nicht weiß, was Menschen wirklich wollen. Anhand eigener Forschung zur unfreiwilligen Arbeitslosigkeit zeigt er, wie die Glücksforschung dabei helfen könnte, die Arbeitsmarktpolitik effizienter auszugestalten.

Was die Glücksforschung der Arbeitsmarktpolitik sagen kann

Er vergleicht die Angaben zur Lebenszufriedenheit von Arbeitslosen und Beschäftigten und zeigt, dass unfreiwillige Arbeitslosigkeit sehr unzufrieden macht. Während Arbeitslose ihre Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 10 mit 4,4 Punkten bewerten, geben Beschäftigte einen Wert von 7 an. Befragt man Arbeitslose aber mit der so genannten „Day Reconstruction Method“, wie sie sich im Laufe des Tages gefühlt haben, verblassen die Unterschiede. Die klassische ökonomische Theorie kann das mit einem Mehr an Freizeit und einem Weniger an so genanntem Arbeitsleid erklären. Warum aber ist die Lebenszufriedenheit Arbeitsloser so viel niedriger als ihr emotionales, affektives Wohlbefinden? Das könnte einerseits durch erwartetes geringeres zukünftige Einkommen und höhere zukünftige Einkommensunsicherheit begründet werden, aber auch durch den Verlust an Status.

Arbeitslose leiden vor allem unter dem Statusverlust

Differenziertere Untersuchungen von Ronnie Schöb und seinen Koautoren haben ergeben, dass die subjektive, kognitive Bewertung der Lebensumstände im Wesentlichen auf die mit dem Beschäftigungsverlust verbundenen Status- bzw. Identitätsverlust zurückzuführen ist. Eine stärkere Ausrichtung der Arbeitsmarktpolitik auf aktivierende Maßnahmen wäre demnach einer großzügigen Einkommenskompensation der Arbeitslosen vorzuziehen, sofern die Aktivierungsmaßnahmen nicht selbst stigmatisierend wirken.

Der ökonomischen Forschung steht kein Paradigmenwechsel bevor, lautet das Fazit Schöbs. Die Glücksforschung hat aber die Auseinandersetzung um die normativen Grundlagen der Wirtschaftswissenschaft neu entfacht. Sie stelle darüber hinaus ein neues Instrumentarium bereit, um Fragen zu beantworten, die mit dem klassischen Instrumentenset der Ökonomie nicht oder nur unzureichend beantwortet werden können.

Zum Nachlesen: Joachim Weimann, Andreas Knabe und Ronnie Schöb, Geld macht doch glücklich. Wo die ökonomische Glücksforschung irrt, Schäffer-Poeschel: Stuttgart 2012

Juli, 2014