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Unternehmenssteuern – Wer trägt die Last?

Arbeitnehmer profitieren von einer Senkung der Unternehmenssteuern weniger als bisher angenommen, haben die Ökonomen Nadja Dwenger, Pia Rattenhuber und Viktor Steiner jetzt herausgefunden. Sinken die Steuern, können sie mit den Arbeitgebern über einen höheren zu erwartenden Gewinn verhandeln. Höhere Löhne führen jedoch auch dazu, dass die Unternehmen weniger Arbeitskräfte einstellen. Sinken die Unternehmenssteuern um 1 Euro steigt die Lohnsumme um 47 Cent. Weniger als die Hälfte der Entlastung aus den Steuersenkungen wird an die Arbeitnehmer weitergegeben.

Nicht immer betrifft eine Steuersenkung oder eine Steuererhöhung nur diejenigen, die direkt gemeint sind oder im Gesetzestext stehen. Dass Steuern auch abgewälzt werden können, gehört zum Volkslatein. Im Rahmen der Steuerwirkungslehre untersuchen Ökonomen die so genannte Steuerinzidenz, also die materielle Steuerlast, die übrigbleibt, wenn man so genannte Überwälzungsvorgänge berücksichtigt. In unserem konkreten Fall heißt das: Welcher Anteil der Unternehmenssteuern wird von den Unternehmen getragen und welcher auf die Arbeitnehmer abgewälzt?

Empirie vernachlässigt bisher entscheidende Tatsache

Eine in der Öffentlichkeit und auch in der Ökonomie weitgehend akzeptierte Annahme ist: Sinken die Unternehmenssteuern, steigen die Beschäftigungszahlen. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder 2005 vorschlug, die Körperschaftsteuer von 25 auf 19 Prozent zu senken, wollte er damit „ein Signal für mehr Wachstum und Beschäftigung setzen“. Eine weitere lautet: Sinken die Unternehmenssteuern, steigen die Löhne der Arbeitnehmer. Denn niedrigere Steuern beeinflussen die Lohnverhandlungen, da die Unternehmensgewinne, über die verhandelt wird, wachsen.
Empirische Arbeiten auf diesem Gebiet bisher haben untersucht, wie sich die Löhne nach Steuererhöhungen oder –senkungen verändern, dabei aber eine entscheidende Tatsache vernachlässigt: Steigen in Erwartung höherer Unternehmensgewinne die Löhne der Arbeitnehmer, wirkt sich das auch auf die Bereitschaft der Unternehmen aus, Arbeitskräfte einzustellen. 

Folgen der Steuerentlastungs- und Steuervergünstigungsgesetze untersucht

Nadja Dwenger vom Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen und die Berliner Ökonomen Pia Rattenhuber und Viktor Steiner haben in ihrer Studie „Sharing the Burden? Empirical Evidence on Corporate Tax Incidence“ erstmals berechnet, wie sich das Trio aus Körperschaftssteuer, Lohnverhandlungen und Beschäftigungszahlen wechselseitig beeinflusst. Ihren Berechnungen legten Dwenger, Rattenhuber und Steiner das so genannte „Right to manage“-Modell aus der Arbeitsmarktökonomie zugrunde, demzufolge Tarifparteien zunächst über die Lohnhöhe verhandeln und die Unternehmen im Anschluss, und abhängig von den ausgehandelten Löhnen, über die Höhe der Beschäftigung entscheiden.
Zudem machten sich die Wissenschaftler zwei entscheidende Steuerreformen zu Nutze, um die realen Anpassungen von Unternehmen an Steuersenkungen zu untersuchen: das Steuerentlastungsgesetz 1999/2000/2002 und das Steuervergünstigungsabbaugesetz aus dem Mai 2003. Sie bezogen umfassende Datensätze über alle deutschen Kapitalgesellschaften im Zeitraum 1998 bis 2006 sowie die vollständigen Daten zum Arbeitsmarkt der Jahre 1999 bis 2006 mit in ihre Untersuchungen ein.

Steuern sinken, Löhne steigen, Beschäftigung wird angepasst

Dwenger, Rattenhuber und Steiner fanden rechnerisch heraus, dass die Arbeitnehmerlöhne auf lange Sicht um 1,89 Prozentpunkte steigen, wenn die durchschnittliche Unternehmenssteuerbelastung um 10 Prozent sinkt. Sinkt die Unternehmenssteuer um einen Euro, steigen die Lohnkosten, also die Summe aller Ausgaben, die von Arbeitgebern über einen bestimmten Zeitraum hinweg an die Arbeitnehmer gezahlt werden, um 47 Cent. Damit wird weniger als die Hälfte der Entlastung aus Steuersenkung an die Arbeitnehmer weitergereicht.
Nichtsdestrotz haben Steuerreformen beachtliche Verteilungseffekte auf die Arbeitnehmer: Einerseits zahlen die Unternehmen im Durchschnitt höhere Löhne, andererseits reduzieren sie die Anzahl ihrer Beschäftigten, um die höheren Löhne auszugleichen. Rechnet man beide Effekte zusammen, bleiben dem Arbeitnehmer zwischen 19 und 29 Cent, wenn ein Unternehmen eine Steuerentlastung um einen Euro erfährt.

Reale Anpassung an Steuersenkungen

In einem zweiten Schritt haben sich die Wissenschaftler anhand von empirischen Daten das Investitionsverhalten von Unternehmen nach einer Steuersenkung angeschaut. Steuersenkungen eröffnen Unternehmen mehr Raum für Investitionen. Investitionen wiederum erhöhen den Kapitalstock und wirken sich positiv auf die Beschäftigung aus.
Nach den Erkenntnissen von Dwenger, Rattenhuber und Steiner sorgte die Senkung der Körperschaftsteuer um 40 Prozent in Folge des Steuerentlastungsgesetzes dafür, dass sich der Kapitalstock der Unternehmen erhöhte und diese die Zahl der Beschäftigten um rund eine halbe Million Arbeitnehmer (508.974) aufstockten. Gleichzeitig konnten die Arbeitnehmer höhere Löhne aushandeln. Dies führte wiederum dazu, dass die Unternehmen die Zahl der Beschäftigten um 409.463 reduzierten. Insgesamt gesehen wuchs die Zahl der Beschäftigten in Folge der Steuersenkungen um rund 100.000 Personen (99.511) oder um 0,6 Prozent.

Studien bisher überschätzten die Vorteile von Steuersenkungen für Arbeitnehmer

Auf Grundlage der Unternehmensdaten berechneten die Wissenschaftler auch die Steuerinzidenz, die sich ergibt, wenn man nur die Lohnentwicklung betrachtet und die anschließende Änderung der Beschäftigungszahlen vernachlässigt. Wie auch frühere empirische Studien auf diesem Gebiet, fanden Dwenger, Rattenhuber und Steiner heraus, dass Änderungen in der Höhe der Unternehmenssteuern ganz auf die Arbeitnehmer abgewälzt werden; im positiven wie im negativen Sinne. Ein Fazit, das nach jetzigem Kenntnisstand zu kurz greift und das Ausmaß dessen, wie Unternehmenssteuern die Bedingungen für Arbeitnehmer beeinflussen, stark überschätzt.

Dwenger, N., Rattenhuber, P., and Steiner, V. Sharing the burden: empirical evidence on corporate tax incidence.

PDF Paper

Oktober, 2013