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Die Mitte neigt zum Miesmachen

Jan K. Brueckner bei seinem Vortrag am MPI.

Politische Wahlkämpfe sind nichts für Zartbesaitete. Kaum eine Partei verzichtet auf das so genannte Negative Campaigning, das Schlechtmachen des politischen Gegners. Der Ökonom Jan K. Brueckner von der University of California, Irvine, hat in einem Vortrag am MPI für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen eine neue theoriebasierte Studie vorgestellt, der zufolge in einem Zweiparteienwahlkampf der gemäßigtere Kandidat mehr Negative Campaigning betreiben wird, als jener, der weiter von der politischen Mitte entfernt ist.

In den USA sind Wahlkampagnen, die dem politischen Gegner mit Negativbotschaften Wählerstimmen abnehmen sollen, stark verbreitet. In Deutschland gehen die Parteien zwar zurückhaltender vor, Beispiele für Negativkampagnen findet man dennoch zuhauf. Ob diese ihre Wirkung beim Wähler erreichen, ob und wann die Miesmacherei sogar nach hinten losgeht und wie sich Negative Campaigning generell auf die Wahrnehmung von Politik und Politikern sowie auf die Wahlbeteiligung auswirkt, interessiert zunehmend  nicht nur die Öffentlichkeit sondern auch die Wissenschaftler.

Jan K. Brueckner, Professor für Volkswirtschaftslehre an der University of California in Irvine und sein Kollege und ehemaliger Student Kangoh Lee, Professor an der San Diego State University, haben sich mit der Frage nach den Determinanten für Negative Campaigning beschäftigt, also damit, welche Faktoren dazu führen, dass Parteien oder Kandidaten sich eher für negative Wahlwerbung entscheiden. In einem Vortrag am MPI für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen am 11. September 2013 stellte Brueckner die Studie vor und stieß auf ein sehr interessiertes Publikum.

Brueckner und Lee entwickelten zwei ökonomische Modelle, die den Zusammenhang zwischen den Charakteristika der politischen Parteien und den Asgaben für Negative Campaigning voraussagen. Die Modelle treffen unterschiedliche Annahmen darüber, welche Auswirkungen Positiv-Kampagnen im Wahlkampf haben, kommen aber zum gleichen Ergebnis: Die wichtigste Vorhersage ist, dass bei gleich hohen Wahlkampfbudgets jener Kandidat mehr Geld für Negative Campaigning ausgeben wird, der sich eher in der politischen Mitte befindet. Der Kandidat, der sich eher am politischen Rand befindet, wird mehr Geld für Positive Campaigning aufbringen, also dafür, die eigene politische Haltung darzustellen.

Wahlentscheidungen hängen auch von zufälligen Ereignissen ab

Brueckner und Lee gehen von einem Zweiparteienwahlkampf aus, in dem die politischen Kandidaten ihr Wahlkampfbudget auf Negativ- sowie Positivkampagnen aufteilen müssen. Sie legen ihren Untersuchungen das so genannte „Probabilistic Voting Model“ zur Analyse von Wahlverhalten zugrunde. Demzufolge sind Wahlentscheidungen nicht nur als Folge von politischen Positionen und deren Rezeption durch die Wählerschaft zu sehen. Sie sind auch von zufälligen Ereignissen abhängig: zum einen von der so genannten „Valence“ („Wertigkeit“) der Kandidaten, zum Beispiel von ihrem Charisma oder Aussehen, zum anderen von so genannten politischen Schocks. Beispielsweise werden nach einem Terroranschlag sicherheitsbewusste Parteien eher einen Wählerzulauf verbuchen; ereignet sich kurz vor der Wahl eine Spähaffäre, profitieren vermutlich die liberaleren Parteien. Laut Bueckner hat die Zufallskomponente zur Folge, dass die politische Präferenz der Wähler nicht mehr fix ist und die Wahlkampfstrategie, möglichst nahe an die Mitte aber gleichzeitig auch in die Nähe des Gegenkandidaten zu rücken, um dort Wählerstimmen von Unentschlossenen einzufangen, nicht perfekt.

Miesmacherei bringt der Mitte mehr

Eine bessere Strategie für die Kandidaten ist laut Brueckner, ihre Position in der Wahrnehmung der Wähler sowohl möglichst nahe an der Präferenz des Medianwählers auszurichten, also an dem Wähler, der sich genau in der Mitte des Wählerspektrums befindet, also auch mit negativen Kampagnen dafür sorgen, dass sich die wahrgenommene Position des Gegenkandidaten weiter von der Präferenz des Medianwählers entfernt. Für die Wirkung von positiven Kampagnen untersuchten Brueckner und Lee zwei unterschiedliche Modelle: Zum einen gingen sie davon aus, dass positive Kampagnen die eigene Position stärker hin zum Zentrum, also zum Median hin rücken; zum anderen, dass sie die Attraktivität der Kandidaten, den so genannte „Valence“-Wert, verändern. Für beide Fälle ergibt sich: Ein Kandidat, der sich in seiner eigenen Präferenz näher an der Präferenz des Medianwählers befindet, wird mehr davon profitieren, den Gegenkandidaten mithilfe von Negative Campaigning extrem aussehen zu lassen, als davon, in der Wahrnehmung der Wähler selber noch näher ins Zentrum zu rücken.

Empirische Untersuchung stützt theoretische Vorhersage

In einem zweiten Schritt überprüften Brueckner und Lee die Prognosen ihres Modells empirisch. Dabei stützten sie sich auf die Arbeit von Lau und Pomper (2004), die anhand einer Analyse von Zeitungsartikeln Negativ- und Positivkampagnen in den US-Senatswahlen von 1992 bis 2002 untersucht haben. Laut der Prognose von Brueckner und Lee müssten in einem demokratisch geprägten Wahlkreis die Demokraten, als Zentrumspartei, mehr Negative Campaigning betreiben als die Republikaner. Von republikanischen Kandidaten wird hingegen mehr Positive Campaigning ausgehen. Die empirische Untersuchung unterstützt Brueckners und Lees theoretische Vorhersage: Bei den US-Senatswahlen von 1992 bis 2002 unternahmen zentrumsnahe Kandidaten öfter den Versuch, ihre Gegner „ins extreme Eck" zu stellen. Die vom Zentrum entfernteren Kandidaten betonten eher die Vorzüge ihres eigenen Programms.

 

Beispiele für Negative Campaigning - Bundestagswahl 2013

Quelle: www.fdp.de und www.gruene.de

Quelle: www.spd.de

Quelle: www.cdu.de

September, 2013