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Wie viel Information über den Wohlstand verträgt die Öffentlichkeit?

Christoph M. Schmidt bei seinem Vortrag am MPI.

Die Ergebnisse der Enquete-Kommission zum Thema „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ wurden in der Presse teilweise als dünn kritisiert. RWI-Chef und Vorsitzender der Wirtschaftsweisen Christoph M. Schmidt erklärt in seinem Vortrag am Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, warum man mit dem „Wohlstandsindikatorensatz W3“ der Kommission, der das BIP als Messgröße für die Wohlfahrt ersetzen soll, durchaus zufrieden sein kann.

Die Ökonomen sind besser als ihr Ruf. Sie könnten sich aber auch mehr anstrengen. Das wiederholt Christoph Schmidt in seinem Vortrag am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen am 29. Mai 2013 mehrfach. Dass der Ruf der Ökonomen nicht der beste ist und wie er sich begründet, hat der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung und Professor an der Ruhr-Universität Bochum in seiner zweijährigen Tätigkeit in einer Enquete-Kommission des Bundestags erfahren. 17 Abgeordnete und 17 externe Sachverständige wurden im Frühjahr 2011 damit beauftragt herauszufinden, was Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität ausmachen und wie man diese nachhaltig sichern kann. Eine der zentralen Fragen, die die Enquete beantworten sollte, war: Kann Wachstum alleine noch als Indikator für Lebensqualität und gesellschaftlichen Fortschritt dienen?

Reicht das BIP als Maß für den Wohlstand?

Nach der fehlgeleiteten Auffassung weiter Teile der Öffentlichkeit laute die Antwort der Ökonomen auf diese Frage „Ja“, erzählt Schmidt. Vielerorts herrsche die Meinung vor, Ökonomen würden das BIP als einen perfekten Maßstab für den Wohlstand ansehen und den Menschen als Homo oeconomicus einstufen, dessen Entscheidungen einem reinen Kosten-Nutzen-Kalkül entspringen. Und obwohl diese Auffassung falsch sei, hätte sie sich in der öffentlichen Diskussion eingebrannt und den Ruf der Ökonomen begründet. Allerdings hätten Letztere dieser Fehlentwicklung im Diskurs bisher auch wenig entgegengesetzt.

Drei Dimensionen der nationalen Wohlfahrt

Der so genannte „Wohlstandsindikatorensatz W3“, den die Enquete-Kommission als Antwort auf die Frage nach einem ganzheitlichen Index für Wohlstand und Fortschritt erarbeitet hat, und der als Ausweitung des bisher herangezogenen Wachstums des BIP dienen soll, führt über die bisher reine materielle Betrachtungsweise der Wohlfahrt hinaus. Das BIP ist in dem Indikatorensatz zwar enthalten, wird aber durch neun weitere „Leitindikatoren“ ergänzt. Neben dem „materiellen Wohlstand“ werden dabei auch die Dimensionen „Soziales und Teilhabe“ sowie „Ökologie“ berücksichtigt. Ähnlich einem Armaturenbrett im Auto sollen die W3-Indikatoren einen kompakten Überblick über die Lage der Nation geben. Neben Instrumenten, die immer zu sehen sind, wie das Wachstum des Brutto-Inlandsprodukts, die Beschäftigungsquote oder die nationalen Treibhausgasemissionen, sieht das W3-System auch so genannte „Warnlampen“ vor, die darauf hinweisen, falls etwas aus dem Ruder läuft. In Analogie zum Armaturenbrett bedeutet das, dass die Öffentlichkeit künftig nicht mehr nur erfahren soll, wie schnell es vorangeht, sondern auch, wie es um den Benzinverbrauch steht, wie der Ölstand ist, und ob das Raumklima ein angenehmes ist.

Quelle: RWI

 

Wieviel Index ist zu viel?

Bis zum Schluss herrschte laut Schmidt in der Kommission Uneinigkeit darüber, wie viele Kennzahlen und Details über das nationale Wohlergehen der Öffentlichkeit zugemutet werden dürfen und wie viele ihr für ein differenziertes Bild zugemutet werden müssen. So steht im Abschlussbericht: „Vielfalt und Breite sollten gewahrt bleiben, ohne gleichzeitig durch Tiefe und Komplexität zu überfordern“. Während die Ökonomen tendenziell die Position vertraten, eine aufgeklärte Gesellschaft müsse auch mit einer gewissen Fülle an Komplexität umgehen können, wurde das System der W3-Indikatoren von anderer Seite bis zuletzt als zu kompliziert und schwer vermittelbar kritisiert.

Armaturenbrett mit Warnleuchten

Der Wohlstandsindikatorensatz W3 stellt laut Schmidt den materiellen Wohlstand weiterhin in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Allein schon, weil er sich statistisch verlässlicher erfassen lässt als etwa subjektive Aussagen über die Lebenszufriedenheit. Er wird im W3-System über das BIP pro Kopf, über die Einkommensverteilung sowie über die Staatsschulden abgebildet. Um die soziale Komponente zu beschreiben, erfasst der W3 darüber hinaus Indikatoren für Beschäftigung, Bildung, Gesundheit und Freiheit. So soll die Lebenserwartung Auskunft über den Stand der Gesundheit geben und über den Grad der Freiheit soll der Weltbank-Indikator „Voice & Accountability“ informieren. Um die ökologische Dimension der Wohlfahrt darzustellen, werden Treibhausgasemissionen und Stickstoffüberschuss erfasst sowie die Artenvielfalt anhand des nationalen Vogelindex abgebildet.
Über die zentralen Instrumente des W3 soll die Öffentlichkeit laut der Kommission einmal jährlich informiert werden. Zudem sieht sie Krisenwarnsysteme vor: statistische Zahlen, die erst kommuniziert werden, wenn Handlungsbedarf besteht. Solche Warnsysteme beleuchten zum Beispiel die Vermögensverteilung im Land oder die globale Emission von Treibhausgasen. Als Indikator für die finanzielle Nachhaltigkeit dient im W3 das Verhältnis zwischen privater Kreditaufnahme und Bruttoinlandsprodukt. Wichtig ist Schmidt, dass der Indikatorensatz nur als deskriptives Instrument zu verstehen ist. Eine Debatte darüber, was getan werden soll, um die Lage zu verbessern, müsste nachgeschaltet werden. Normative Absichten habe der W3 nicht.

Quelle: RWI

 

Grüne mit alternativem Konzept

Ob sich das erweiterte Wohlstandstableau mit Leben füllen und ihm eine politische Debatte folgen wird, muss sich noch zeigen. Denn während im Anschluss an Schmidts Vortrag im Max-Planck-Institut die Zuhörer diskutieren, ob der W3 nicht wichtige Indikatoren vermissen lässt, kritisierten die Grünen bereits, er sei zu breit gefasst und viel zu kompliziert. Ihr alternatives Modell sieht lediglich vier Indikatoren vor: das BIP, den ökologischen Fußabdruck im Verhältnis zur Biokapazität, die Einkommensverteilung und eine subjektive Befragung über die Lebenszufriedenheit.

Juni, 2013