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Beeinflussen Steuern die Standortwahl?

Ob und wie stark Steuern die Standortwahl von internationalen Unternehmen beeinflussen und wie sich die steuerliche Attraktivität eines Landes messen lässt, ist nicht nur ein hochpolitisches Thema, es interessiert auch Wissenschaftler und Praktiker brennend. Der Vortragsaal am MPI für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen war am 4. Februar 2013 gerappelt voll, die Wortbeiträge zahlreich, die Diskussion engagiert.

Prof. Dr. Deborah Schanz, Leiterin des Instituts für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der LMU München, stellte zum ersten Mal ihre empirische Untersuchung vor, die sich mit der Steuerattraktivität von Ländern beschäftigt und deren Einfluss auf die Entscheidung, wo internationale Unternehmen ihre Töchter ansiedeln. Im Rahmen dessen präsentierte Schanz auch den neu entwickelten „Tax Attractiveness Index“.

Tax Attractiveness Index misst 18 steuerliche Kriterien

Dafür, dass Konzerne versuchen, mit der Standortwahl auch die Steuerbelastung zu reduzieren, gäbe es viel anekdotische Evidenz, jedoch kaum empirische Untersuchungen, sagt Deborah Schanz. Zudem würden die meisten Studien die steuerlichen Anreize über die Höhe der Körperschaftsteuer beschreiben. Das sei verkürzt. Der „Tax Attractiveness Index“ (TAI) von Schanz kennt und bewertet 18 Kriterien für die steuerliche Attraktivität eines Landes. Darunter fallen zum Beispiel der Körperschaft- und Einkommensteuersatz, die Besteuerung von Dividenden und Veräußerungsgewinnen, Vorschriften gegen Steuerumgehung, die Hinzurechnungsbesteuerung, aber auch die Anzahl der Doppelbesteuerungsabkommen eines Landes. Vom Tax Attractiveness Index verspricht sich Schanz, die steuerliche Attraktivität präziser feststellen zu können als über den Vergleich des Körperschaftsteuersatzes, und herauszufinden, ob und wie sich weitere steuerliche Faktoren auf die Standortentscheidung von Unternehmen auswirken.

Karibische Staaten sind steuerlich am attraktivsten, Deutschland im Mittelfeld

Deborah Schanz und Sara Keller ermittelten Indexwerte für 100 Länder und für den Zeitraum 2005 bis 2009 und stellten deutliche regionale Unterschiede in der steuerlichen Attraktivität der Länder fest, zugleich aber für die einzelnen Länder über den Zeitverlauf hinweg sehr konstante Werte.  Auf einer Skala von 1 bis 0 - wobei 1 den Wert für die höchste, 0 für die niedrigste steuerliche Attraktivität darstellt - befindet sich Deutschland im internationalen Vergleich mit einem Wert in Höhe von 0,4928 Punkten in der Mitte. Die Spitzenposition im Ranking um die steuerliche Attraktivität halten die Karibischen Staaten, etwa Bahamas und Bermudas mit 0,8889 Punkten. Sehr hohe Werte erreichen auch die Vereinigten Arabischen Emirate (0,8495), vereinzelte asiatische Staaten (z.B. Singapur mit 0.7497)  und einzelne europäische Länder wie Luxemburg (0,7528), Zypern (0,7409), die Niederlande (0,7400) oder Malta (0,7012). Mit 0,3781 Punkten haben die USA einen vergleichsweise schlechten Wert. Auf dem letzten Platz der steuerlichen Attraktivität landet Argentinien mit 0,1758 Punkten.

Hohe Korrelation zwischen TAI und Standortwahl

Um den Einfluss des Tax Attractiveness Index auf die Standortwahl zu bestimmen, erstellten Schanz und Keller händisch eine Datenbank, die die ausländischen Tochtergesellschaften von 29 DAX-Unternehmen umfasst. Insgesamt bezogen sie 13.748 Töchter in die Untersuchung ein. Die deskriptive Analyse ergab, dass jede Mutter in jedem Land durchschnittlich 3,8 Tochtergesellschaften hält, wobei in den USA und Großbritannien auffallend viele Töchter angesiedelt sind. Die größte Anzahl an Töchtern einer Gesellschaft in einem Land ermittelten Schanz und Keller für die USA, wo der Gesundheitskonzern Fresenius 524 Tochterfirmen angesiedelt hat.

Was den Einfluss der steuerlichen Attraktivität auf die Standortwahl angeht, ergab die Regressionsanalyse einen hoch signifikanten Wert: In Ländern mit einem höheren Tax Attractiveness Index sind auch signifikant mehr DAX-30-Töchter zu finden. Dabei stellten sich die Quellensteuern, die DBA-Netzwerke (Doppelbesteuerungsabkommen-Netzwerke) sowie die Holding Regimes als innerhalb des Tax Attractiveness Index relevanteste Kriterien für die Standortwahl heraus. Weiterhin ergaben die Untersuchungen von Schanz und Keller, dass der Index die Standortwal der DAX-Tochterfirmen besser erklären kann als der nominelle Körperschaftsteuersatz, der bei vergleichbaren Untersuchungen bisher herangezogen wurde. Zwar lässt sich zwischen der Höhe des Satzes und der Anzahl der angesiedelten Tochtergesellschaften auch eine Korrelation errechnen, jedoch ist der Zusammenhang weniger signifikant. Auch würden Länder wie die Niederlande, Malta, Belgien und Luxemburg attraktive Steuersysteme und hohe Indexwerte aufweisen, obwohl sie vergleichsweise hohe Steuern erheben. Daher könne der Tax Attractiveness Index als Maßstab für die steuerliche Attraktivität nicht durch den Körperschaftsteuersatz ersetzt werden.

Politisch hoch brisant

In den vergangenen Jahren haben sich die Nationalstaaten verstärkt bemüht, gute Steuerbedingungen zu schaffen, um Unternehmen und Finanzkapital an ihren Standort zu locken. Ob und wie Standortentscheidungen durch die steuerliche Attraktivität beeinflusst werden und inwiefern die Steuerpolitik der Länder hierfür von Bedeutung ist, sind politisch hoch brisante Fragen.
Entsprechend groß war auch das Interesse der anwesenden Zuhörer an dem neu entwickelten Tax Attractiveness Index von Schanz und Keller, an den zugrundeliegenden Kriterien und deren Bewertung innerhalb des Indexes. Auch die Studie, deren Ergebnisse und mögliche Limitationen, die sich aus der Datenverfügbarkeit, zum Beispiel zu Konzernstruktur, Vermögensgegenständen oder Umsätzen im Sitzland der Tochtergesellschaften ergeben, sorgten für angeregte Diskussionen. 

Februar, 2013