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Grenzüberschreitungen der Steuerrechtswissenschaft

Autor: 

Wolfgang Schön

Als ein für die staatliche Ordnung zentrales Rechtsgebiet ist das Steuerrecht politisch umkämpft, mächtigen Zeitströmungen und internationalen Einflüssen ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund hat es – neben seiner Funktion, geltendes Recht zu interpretieren und zu schaffendes Recht zu gestalten – die wichtige Aufgabe, seinem Gegenstand innere Stabilität sowie dem fiskalischen Zugriff des Staates gegenüber dem Bürger innere Ordnung zu verleihen.

Die Suche nach dieser Ordnung folgt, so Schön, zwei verschiedenen, aber sich vielfach kreuzenden oder parallel geführten Pfaden: Ein Weg liegt darin, aus dem Steuerrecht leitende Prinzipien zu abstrahieren und damit ein „inneres System“ des Steuerrechts zu entdecken oder zu errichten. Ein anderer besteht darin, das Steuerwesen materiell mit anderen tragenden Elementen unserer Rechtsordnung – wie dem Zivilrecht, dem Verfassungsrecht und dem Recht der Europäischen Union – zu verknüpfen, um eine übergeordnete Systematik zu etablieren.

Dabei liegt eine Stärke der deutschen Steuerrechtswissenschaft in ihrem intensiven Dialog mit Rechtsprechung, Verwaltung und Beraterpraxis. Folglich würden akademische Lehre und Schrifttum zu einem großen Teil darauf abzielen, bestehendes Recht zu interpretieren, auf reale oder fiktive Fälle anzuwenden und zugrunde liegende „Systeme“ oder Prinzipien zu „entdecken“.

Dieser aufwändige Dialog mit der Praxis ließe aber wenig Zeit für Grundsatzüberlegungen. So hätten Methoden und Erkenntnisse aus Geschichte, Soziologie, Politik- oder Wirtschaftswissenschaften erst jüngst Einzug in die deutsche Rechtswissenschaft gehalten. Auch fehlten im deutschen Diskurs – im Gegensatz zur Common-Law-Tradition – vielfach die vertiefte steuerpolitische Analyse sowie der längere Aufsatz, der wichtige Gerichtsentscheidungen in einen größeren politischen, historischen oder wirtschaftlichen Kontext stellt.

Veröffentlichung:   StuW, 2018, 3, 201-215.