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Geopolitische Konflikte, Handel und Sanktionen

Im Harnack-Haus in Berlin fand ein zweitägiger Workshop (26.–27. November 2025) zum Thema „Geopolitische Konflikte, Handel und Sanktionen“ statt, der von Kai A. Konrad vom MPI für Steuerrecht und öffentliche Finanzen und Marcel Thum von der TU Dresden organisiert wurde. Der Workshop brachte führende Ökonomen und Politikwissenschaftler zusammen, die mit innovativen empirischen und theoretischen Ansätzen wichtige Fragen der Geopolitik und Geoökonomie untersuchen.

Kai Konrad welcomes the attendeesVom Handelskrieg zwischen den USA und China bis zu Trumps Ankündigungen von Zöllen am „Liberation Day“ zeigen die jüngsten Ereignisse, wie geopolitische Konkurrenz den internationalen Handel zunehmend prägt. Im Rahmen des Workshops deckte Haishi (Harry) Li (Universität Hong Kong) die versteckten Kosten von Industriesubventionen auf und zeigte, wie positive Antidumping- und Ausgleichsmaßnahmen die beabsichtigten Vorteile aufheben können. Gabriel Felbermayr (Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO) verwendete das Gravitationsmodell, um zu veranschaulichen, was eine „faire” bilaterale Handelsbilanz ausmacht, und zeigte, dass die meisten bilateralen Handelsungleichgewichte der USA ohne asymmetrische Handelskosten erklärt werden können.

Angesichts der zunehmenden geopolitischen Rivalität sind Sanktionen zu einem der wichtigsten Instrumente geworden, mit denen Staaten Einfluss nehmen und Normen verteidigen. Wie sich ihre Wirksamkeit zwischen normbrechenden und normstärkenden Maßnahmen, sowie zwischen verbündeten und nicht verbündeten Staaten unterscheidet, erklärte Gerald Schneider (Universität Konstanz). Afiq bin Oslan (MPI für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen) modellierte Brinkmanship und stellte heraus, wie Unsicherheit durch unvollständige Informationen der Staats- und Regierungschefs über die Präferenzen der Öffentlichkeit entsteht. Pei-Yu Wei (Dartmouth College) verwendete in seinem Vortrag ein Umfrageexperiment, um zu veranschaulichen, wie die öffentliche Meinung in Drittländern von Sanktionen beeinflusst wird, abhängig von den Beziehungen zwischen den Staaten und der wahrgenommenen Legitimität. Marcel Thum analysierte, wie sanktionierende Staaten Durchsetzungslücken schließen können, indem sie mit mehreren Ländern verhandeln, die Schlupflöcher bieten, und vergleicht verschiedene sequenzielle und simultane Verhandlungsstrategien. Dzhamilya Nigmatulina (Universität Lausanne) lieferte umfassende Belege für die erheblichen wirtschaftlichen Auswirkungen der Handelssanktionen gegen Russland nach 2022. Einen neuen Datensatz, der alle von der Regierung verhängten Beschränkungen von 1992 bis 2024 erfasst, stellte Timothy M. Peterson (Arizona State University) vor. 

Gabriel Felbermayr gives his presentation "Unfair Bilateral Trade Imbalances"Machtkämpfe finden auch auf Schlachtfeldern und im Bereich kritischer Infrastrukturen statt. Scott Gates (Universität Oslo) präsentierte eine Arbeit, die den territorialen Niedergang des Islamischen Staates anhand von Geodaten nachzeichnet und zeigt, wie Organisationsstrukturen und Luftangriffe Kontrollmuster prägen. Anhand des CableHist-Datensatzes, der alle internationalen Unterseekabel von 1850 bis 2025 umfasst, zeigte Christoph Trebesch (Universität Kiel) in seinem Vortrag, wie globale Rivalitäten strategische Investitionen auslösen und welche Schwachstellen das heutige Unterseekabelsystem aufweist. Auf der Grundlage einer umfassenden Untersuchung der Konfliktökonomie machte Stergios Skaperdas (University of California, Irvine) deutlich, wie feindselige Interaktionen erhebliche wirtschaftliche Kosten verursachen, Anreize neu gestalten und traditionelle First-Best-Modellvorhersagen ungültig machen.

Die Keynote-Rede von Dan Smith, ehemaliger Direktor des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstituts (SIPRI), begann mit zwei anschaulichen Beispielen dafür, wie Instabilität durch unerwartete Auslöser entstehen kann – Bouazizis Selbstverbrennung in Tunesien und die Massenproteste, die durch die rote Flutkrise in Chile ausgelöst wurden – und veranschaulichte, wie menschliche, nationale und ökologische Sicherheit miteinander interagieren. Er forderte eine 360-Grad-Sichtweise auf Sicherheit und drängte die politischen Entscheidungsträger, über isolierte Ansätze hinauszugehen und zu erkennen, wie sich verschiedene Dimensionen der Sicherheit gegenseitig verstärken. In der offenen Diskussionsrunde wandten sich die Teilnehmer dem viel diskutierten Thema der strategischen Autonomie Europas zu. Nach einer Einführung von Martin Bader (ETH Zürich), in der er die Notwendigkeit betonte, dass die EU in allen Bereichen der Militärausgaben „Geld sinnvoll verschwenden“ müsse, wurden in der Diskussion Governance-Strukturen, Energie- und Technologieautonomie sowie nukleare Abschreckung erörtert.

Afiq bin Oslan gives his presentation "Brinkmanship in the Public Eye"Geopolitischer Wettbewerb entfaltet sich über Märkte, Sanktionsregime, territoriale Konflikte und Schwachstellen in der globalen Infrastruktur. Der Workshop vertiefte nicht nur das Verständnis für diese miteinander verbundenen Dynamiken, sondern hob auch – in Anlehnung an die Keynote von Dan Smith – die Notwendigkeit hervor, menschliche, nationale und ökologische Sicherheit als integrierte und nicht als getrennte Bereiche zu betrachten.
 

Bild 1: Kai Konrad begrüßt die Teilnehmer (© Yixuan Shi)
Bild 2: Gabriel Felbermayr präsentiert „Unfair bilateral trade imbalances” (© Yixuan Shi)
Bild 3: Afiq bin Oslan hält seinen Vortrag „Brinkmanship in the public sphere” (© Yixuan Shi)

Dezember 2025